Im Gespräch mit…. Christiane „Ami“ Raden


Ami Raden wohnt seit 1960 in Hummelsbüttel. Durch den Kinderkreis bei Hilde „Hoffi“ Hoffmann ist sie in die Christophorusgemeinde gekommen. Sie hat die Glocken im Turm noch mit der Hand geläutet und ist von Pastor Meder konfirmiert worden. Bei ihm hat sie am Carl-von-Ossietzky-Gymnasium auch eine Abiturprüfung abgelegt, da es zu der Zeit zu wenig Religionslehrer gab. Ihre Tochter ging in den damals noch eigenen Gemeindekindergarten am Poppenbüttler Stieg. Einige Jahre gehörte Ami Raden dem Vorstand des Kindergartenfördervereins an.

Gerhild Krieger-Kopperschmidt: Seit einigen Jahren engagierst Du Dich bei „Hummelsbüttel hilft“, einer ehrenamtlichen und konfessionsunabhängigen Stadtteilinitiative, die Anfang 2016 gegründet wurde. Wie läuft das ab?

Ami Raden: „Hummelsbüttel hilft“ wurde mit dem Ziel gegründet, die zu uns Geflüchteten zu unterstützen und ihnen bei der Integration zu helfen. Angefangen haben wir mit einem 14-tägig stattfindenden Café amLademannbogen, später fand es wöchentlich statt. Es gab Kaffee und Tee, Kuchen und Kekse. Wir haben Spiele und Malsachen für die Kinder mitgebracht, aber auch die Erwachsenen hatten und haben noch ihre Freude daran. Es gab dort auch eine Eltern-Kind-Gruppe die leider z.Zt. mangels Kindern pausiert. Im Verlauf wurde Deutschunterricht angeboten, der mal mehr, mal weniger erfolgreich war. Bei „Hummelsbüttel hilft“ wollten immer mehr Menschen mitmachen und so fanden wir im Gemeindehaus der Christophorusgemeinde einen guten Ort, um uns zu treffen. Mir liegen die Menschen, die am Lademannbogen wohnen, sehr am Herzen, denn sie leben dort in einem Industriegebiet mit wenig Kontakt zu anderen Menschen. Es gibt es wenig Privatsphäre, nur Gemeinschaftsbäder und – küchen.
Das birgt Konfliktpotential.

GKK: Wie geht es mit Eurer Arbeit am Lademannbogen weiter?

AR: Zur Zeit können wir das Café dort, wie am Anfang, nur wieder alle 14 Tage öffnen, weil uns Menschen fehlen, die uns helfen.

GKK: Wie können wir uns Eure Arbeit am Butterbauernstieg (Rehagen) vorstellen?

AR: Im Mai 2018 sind die ersten Bewohner, 360 Flüchtlinge aus ganz Hamburg, in die neuen Häuser am Butterbauernstieg (kurz BBS) eingezogen. Seit November 2018 sind, in den zweiten Bauabschnitt, 200 weitere Menschen dort eingezogen. Dort gibt es u.a. ein „Willkommen- Café“ für die neuen Bewohner, einen „Treffpunkt“ für den Informationsaustausch, eine Fahrradwerkstatt und eine Deutschgruppe. Auch der Bauspielplatz  und das „Haus der Jugend Tegelsbarg“ bringen sich dort ein. Die „Sprachbrücke e.V.“ hat eine Konversationsgruppe eingerichtet und in der Vorlesegruppe, die mit dem „Hamburger Lesekoffer“ ausgestattet wurde, soll den Eltern Lust gemacht werden, ihren Kindern vorzulesen, aber auch selber zu lesen. Das ist aber alles noch ausbaufähig, aber auch hier fehlen uns noch viele helfende Hände!

GKK: Und dann hast Du eine mutige Entscheidung getroffen.

AR: Ja, das stimmt. Seit Herbst 2017 lebt Mo bei mir, ein 30jähriger Syrer aus Damaskus.

GKK: Wie kam es dazu?

AR: Mo hatte in Damaskus sein BWL-Masterstudium abgeschlossen und sollte sofort danach, wie alle jungen Syrer, die ihr Studium oder eine andere Ausbildung abgeschlossen haben, zum Militärdienst. Das ist übrigens auch in vielen anderen Ländern so. Aber er wollte im Krieg nicht auf andere Syrer schießen und hatte sich entschlossen, seine Heimat zu verlassen, seine Eltern und Geschwister (ein jüngerer Bruder ist bei einem Bombenangriff auf die Universität ums Leben gekommen), seine Oma, bei der die Familie lebte, nachdem ihr eigenes Haus bei einem Angriff zerstört wurde. Nach einer dramatischen Flucht über das Mittelmeer ist er im Herbst 2015 in einer Sammelunterkunft in Schleswig-Holstein angekommen. Dort war er, nachdem er Deutsch gelernt hatte, als ehrenamtlicher Dolmetscher für Arabisch und Englisch tätig. Gleichzeitig hatte er sich auf einen BWL-Studienplatz in Hamburg beworben und wurde auch angenommen. Eine ehemalige Kollegin von mir, die in der Flüchtlingsunterkunft arbeitete, erzählte mir von Mo und seiner Suche nach einer Unterkunft in Hamburg. Und fragte, ob ich mir vorstellen könnte, vorübergehend einen Flüchtling bei mir aufzunehmen. Nach einer Bedenkzeit habe ich dann zugesagt. Und aus einer Interimslösung im Herbst 2017 ist eine Längerfristige geworden! Wir verstehen uns sehr gut, unser Zusammenleben ist ein unkompliziertes, respektvolles und herzliches Miteinander.

GKK: Was nimmst Du aus diesem Miteinanderleben mit in Dein Leben?

AR: Z.B. hat Kirche für mich eine andere Bedeutung als früher, weil heute, so wie ich es erlebe, mehr Toleranz gelebt wird. So ist es in Christophorus selbstverständlich, dass Frauen mit einem Kopftuch in unserem Gemeindehaus ein- und ausgehen. Mo hat mir gesagt, dass „wir Muslime glauben, dass alle an denselben Gott glauben, egal wie er heißt“. Er kann mir die Unterschiede zwischen seiner und meiner Kultur sehr gut erklären. Und ich möchte an dieser Stelle ein Signal an alle geben: so eine Wohngemeinschaft, wie wir sie leben, kann eine große Bereicherung sein! Haben Sie Mut! Ich gebe Ihnen gerne Hilfestellung, rufen Sie mich gerne an.

GKK: Zum Schluss habe ich noch eine Frage: Du/Ihr ward im September 2018 zum Bürgerfest des Bundespräsidenten im Schloss Bellevue nach Berlin eingeladen. Wie kam es dazu?

AR: Aufgrund meiner ehrenamtlichen Tätigkeit hat eine Nachbarin mich für eine Einladung vorgeschlagen. Und Mo wollte mich gerne begleiten und so sind wir dann nach Berlin gefahren.

Aus Platzgründen konnten wir einige Bereiche nur kurz oder auch gar nicht ansprechen. Wenn Sie weitere Informationen von Ami Raden über Ihre Arbeit haben möchten oder wissen möchten, wo oder wie auch Sie sich engagieren können, können Sie sich im Gemeindebüro melden (520 19 520). Dort gibt man Ihnen gerne ihre Telefonnummer.

Gerhild Krieger-Kopperschmidt

 

Buchempfehlung

Hier folgen die Titel von zwei Büchern zum Thema , die Frau Raden mir empfohlen hat und die ich gerne gelesen habe:

„Unter einem Dach“, ein Syrer und ein Deutscher erzählen. Von  Amir Baitar und Henning Sußebach

„Fern von Aleppo“, Wie ich als Syrer in Deutschland lebe. Von Faisal Hamdo

 

Weitere Informationen:

hummelsbuettel-hilft.de