Wissenswertes Der Evangelist Matthäus


Sicher ist Ihnen aufgefallen, wie sehr die Berichte der 4 Evangelisten Matthäus, Markus, Lukas und Johannes, besonders aber die der ersten drei, einander ähneln. Wie ist das zu erklären? Hat einer vom anderen abgeschrieben? Wer sind diese Männer? Was wissen wir über sie?

Matthäus

Tatsächlich weiß man über ihn eigentlich nichts. Die Mutmaßungen allerdings sind sehr zahlreich, die Literatur darüber gewaltig, die Theorien vielfältig. Lange wurde die Auffassung vertreten, Matthäus sei, entsprechend der Aufzählung der 12 Apostel in Mt 10.3, ein Jünger Jesu gewesen und genieße daher in seinen Schriften hohe Authentizität. Irritierend allerdings wirkte der Zusatz „der Zöllner“, denn in den anderen Evangelien heißt der von Jesus berufene Zöllner nicht Matthäus, sondern Levi (Mk 2.14). Udo Schnelle, Professor für neutestamentliche Theologie, führt zwei Beobachtungen an, die gegen eine Gleichsetzung des Evangelisten mit dem Apostel sprechen: Dem Evangelisten Matthäus hätten die Schriften eines anderen, nämlich die des Evangelisten  Markus, als Quelle gedient. Es sei daher sehr unwahrscheinlich, dass ein Augenzeuge des Wirkens Jesu, Matthäus, als Basis seiner Darstellungen auf die Schriften eines anderen, Markus, zurückgreift, der nicht Augenzeuge sein konnte. Wenn der Zöllner also Levi hieß, ist die Namensänderung zu Matthäus für einen Augenzeugen nicht nachvollziehbar, die Identität mit dem Jünger Matthäus also mehr als unsicher. Schnelle bezieht sich damit auf die in der neutestamentlichen Wissenschaft breit akzeptierte Zwei-Quellen-Theorie. Danach habe der Evangelist Matthäus zu seinem Text zwei Quellen genutzt: das Markusevangelium und eine nicht mehr erhaltene Quelle, die sog. Logienquelle, die Aussprüche Jesu und Berichte über sein Leben enthalten haben muss. Dass es ein solches Werk in schriftlicher Form gab, sei wegen der hohen Anzahl wörtlicher Übereinstimmungen zwischen Matthäus und Lukas sowie mancher Parallelen im Aufbau sehr wahrscheinlich. Neben diesen beiden Hauptquellen hätten ihnen jeweils eigene mündlich und schriftlich überlieferte Quellen zur Verfügung gestanden, das sog. Sondergut. Vermutlich wurden die Texte erst zu Beginn der Kanonisierung des NT im 2. Jhd. unter der Bezeichnung Matthäusevangelium zusammengestellt. Da ein Autor unbekannt war, wollte man den Text sicher nicht irgendeinem Schreiber zuordnen. Das hätte der tatsächlichen Bedeutung des Evangeliums nicht entsprochen. Zudem wollte man die Gemeinde wohl auch aufgrund der Namensrelevanz näher an diesen „Matthäus“ binden. Wer aber war dieser Mann? Einer Legende zufolge soll er Palästina um das Jahr 42 verlassen haben, um in Äthiopien, Mesopotamien oder Persien als Missionar tätig zu sein. Ort und Zeit seines Todes sind unbekannt. Einige Texte sprechen von einem natürlichen Tod, andere von Mord. Unter Bezug auf Mt 13.52 und Mt 23.34 wird angenommen, dass „Matthäus“ in einer Gemeinde in Syrien als Lehrer tätig war. Dies lässt in Verbindung mit Schreibstil und Art ethischer Unterweisungen auf einen hohen Bildungsgrad des Autors schließen. Es sind altkirchliche Dokumente erhalten, die „Matthäus“ ein auf Hebräisch verfasstes, aber nicht mehr erhaltenes Urevangelium zuschreiben. Dieses habe einer besseren Verbindung zwischen den Griechisch und Hebräisch sprechenden Christen gedient und die Verkündigung der Botschaft Jesu unter den Juden erleichtert. Wenn das Matthäusevangelium entsprechend der Zwei-Quellen-Theorie von dem des Markus abhängt, muss das Markusevangelium älter sein und „Matthäus“ seines nach dem Jahr 70 verfasst haben. Der wahrscheinlichste Ort der Abfassung liegt in Syrien; dafür spreche die Ähnlichkeit zur palästinischen Gesetzesauslegung und die Aufnahme der Heiden in die christliche Gemeinde.

Horst-Rüdiger Behrens